Sind wir so schlau, wie wir denken?
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Es ist eine Binsenweisheit, daß die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen den Zeitgeist prägt. Die dabei wirksamen Prägungsprozesse sind allerdings sehr komplex. Dies hat zur Folge, daß wissenschaftliche Revolutionen (oder Paradigmenwechsel) und deren neue Sichtweisen nur allmählich in alle Schichten der Gesellschaft durchsickern. Das letzte Jahrhundert war Zeuge mehrerer solcher Revolutionen: Quantenmechanik, komputationales Paradigma, Genom usw. Unter diesen hat das komputationale Paradigma wohl die größte Veränderung des Weltbildes des Menschen mit sich gebracht, in seinen Auswirkungen vergleichbar nur mit der bekannten kopernikanischen Wende von der geozentrischen zur heliozentrischen Sichtweise der Welt. Wille, Denken, Emotionen, Bewußtsein, Sprache und Kommunikation, Problemlösen, Gesellschaftsund Wirtschaftsstrukturen, selbst politische Prozesse erscheinen unter diesem Paradigma unter einem völlig neuen Licht, wie ein Vergleich zwischen entsprechenden Abhandlungen vor und nach diesem Paradigmenwechsel unschwer erkennen läßt. Wer allerdings glaubt, diese neue Denke habe schon zumindest die herrschenden Schichten und Meinungsführer unserer Gesellschaft erreicht, irrt gewaltig. Die Schulen verstehen unter Informatik noch immer vorwiegend das simple Programmieren und die Fähigkeit, sich im Internet zurechtzufinden. Vermittlung von wenigstens rudimentärem Wissen über Methoden der KI, über die Möglichkeiten der Modellierung von Gehirnvorgängen oder Wirtschaftsprozessen usw. usf. findet dort schlicht nicht statt. Redakteure von Zeitschriften, Verlagen und allen anderen Medien haben in ihrem (meist geisteswissenschaftlich geprägten) Studium keine ernstzunehmende Vorstellung von derlei Begriffen erwerben können. Die Medien vermitteln daher seltenst einen verständlichen Einblick in die Welt der leider halt recht abstrakten Informationsund Wissensverarbeitung. Woher also sollte ein Nicht-Fachmann ein solches Wissen beziehen? Das Weltbild von führenden Persönlichkeiten in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft (Fachwissenschaftler natürlich ausgenommen) ist daher noch weitestgehend „vorkomputational“ (in einem allgemeinen Sinne) geprägt. In dieser Situation ist es schon ein besonderer Glücksfall, wenn einem Professor mit Promotion in KI die seltene Gabe gegeben ist, komplexe wissenschaftliche Modelle mit einprägsamen Bildern und amüsanten Beispielen äußerst kurzweilig einem breiten Publikum verständlich zu machen. Bas (Sebastian) Haring hat diese Gabe im Übermaß. Schon sein erstes Buch „Warum ist der Eisbär weiß?“ hat eine Reihe von Preisen bekommen und wurde beispielsweise von der Zeitschrift Bild der Wissenschaft 2003 zum „Wissenschaftsbuch des Jahres“ gewählt. Das hier besprochene Buch verdient, neben solchen Preisen, vor allem auch den Dank unserer Disziplin, deren Paradigmen durch das Buch vielen Leuten verständlich gemacht werden. Das Buch behandelt auf knappen 173 Seiten Themen wie die Struktur und die Mechanismen des Gehirns, Maschinen und vor allem Komputer, Künstliche Intelligenz, Lernen, Denken, Verstehen, Wahrnehmung, Bedeutung, Wille, Fühlen, Leben, Bewußtsein und vieles mehr. Es ist für den gesunden Menschenverstand geschrieben und erhebt nicht den geringsten wissenschaftlichen Anspruch. Gleichwohl ist es sachlich präzise, korrekt (bis auf eine kleine Fehlinformation auf S.30, wonach es nur Komputer mit höchstens sechzehn Prozessoren gäbe) und aktuell. Dabei wird das Potenzial unseres Faches (KI, KogWiss etc.) völlig sachlich und ohne Euphorie oder Hysterie geschildert. Für Spezialisten unseres Faches bringt das Buch naturgemäßig keine neuen Einsichten. Es ist definitiv für einen nichtfachlichen Leserkreis geschrieben, und ich habe es entsprechend sofort an meine Frau weitergegeben und Freunden empfohlen, die von KI bisher nur eine verschwommene Vorstellung haben. Gleichwohl hat es auch mich durch die Lektüre bereichert, weil ich mir beispielsweise diese wunderschönen Beispiele zur Illustration komplexer Zusammenhänge zu eigen machen werde. Ich hatte ja selbst einmal ein allgemeinverständliches Buch („Lehren vom Leben“) geschrieben, muß aber neidlos anerkennen, daß Haring‘s kleines Büchlein mit Sicherheit einen viel größeren Widerhall finden wird. Durch eine solche größere Verbreitung des Buches wird das Bild unseres Faches in der Öffentlichkeit besser und vor allem inhaltlich richtiger werden. Wir sollten seinen Bekanntheitsgrad daher durch Weiterempfehlen mehren.
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عنوان ژورنال:
- KI
دوره 22 شماره
صفحات -
تاریخ انتشار 2008